Wegwarte

Philosophisches Atelier

„Die Disziplinargesellschaft ist eine Gesellschaft der Negativität. Sie wird bestimmt von der Negativität des Verbots. Das negative Modalverb, das sie beherrscht, ist Nicht – Dürfen.

Auch dem Sollen haftet eine Negativität, die des Zwangs, an. Die Leistungsgesellschaft entledigt sich immer mehr der Negativität. Gerade die zunehmende Deregulierung schafft sie ab. Das entgrenzte Können ist das positive Modalverb der Leistungsgesellschaft. Sein Kollektivplural der Affirmation Yes, we can bringt gerade den Positivitätscharakter der Leistungsgesellschaft zum Ausdruck. An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekte, Initiative und Motivation. Die Disziplinargesellschaft ist noch vom Nein beherrscht. Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft bringt dagegen Depressive und Versager hervor….

Dem gesellschaftlich Unbewussten wohnt offenbar das Bestreben inne, die Produktion zu maximieren. Ab einem bestimmten Punkt der Produktivität stösst die Disziplinartechnik…des Verbots schnell an seine Grenze. Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung bzw. das Positivschema des Könnens ersetzt, denn ab einem bestimmten Produktionsniveau wirkt die Negativität des Verbots blockierend und verhindert eine weitere Steigerung….So schaltet das gesellschaftlich Unbewusste vom Sollen aufs Können um. Das Leistungssubjekt ist schneller und produktiver als das Gehorsamssubjekt. Das Können macht das Sollen jedoch nicht rückgängig. Das Leistungssubjekt bleibt diszipliniert. Es  hat das Disziplinarstadium hinter sich. …Bezogen auf die Produktionssteigerung besteht zwischen dem Sollen und dem Können kein Bruch, sondern eine Kontinuität….

Der depressive Mensch ist jenes animal laborans , das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge. Es ist Täter und Opfer zugleich. Das Selbst im emphatischen Sinne ist noch eine immunologische Kategorie. Die Depression entzieht sich aber jedem immunologischen Schema.  Sie bricht in dem Moment aus, in dem das Leistungssubjekt nicht mehr können kann. Sie ist zunächst eine Schaffens- und Könnensmüdigkeit. Die Klage des depressiven Individuums Nichts ist möglich ist nur in einer Gesellschaft möglich, die glaubt, Nichts ist unmöglich. Nicht-Mehr- Können- Können führt zu einem destruktiven Selbstvorwurf und zur Autoagression. Das Leistungssubjekt befindet sich mit sich selbst im Krieg….Die Depression ist die Erkrankung einer Gesellschaft, die unter dem Übermass an Positivität leidet. Sie spiegelt jene Menschheit wider, die mit sich selbst Krieg führt.

Das Leistungssubjekt…ist Herr und Souverän seiner selbst. So ist es niemendem bzw. nur sich selbst unterworfen. Darin unterscheidet es sich vom Gehorsamssubjekt. Der Wegfall der Herrschaftsinstanz führt nicht zur Freiheit. Er lässt vielmehr Freiheit und Zwang zusammenfallen. So überlässt sich das Leistungssubjekt der zwingenden Freiheit oder dem freien Zwang zur Maximierung der Leistung. Der Exzess der Arbeit und Leistung verschärft sich zu einer Selbstausbeutung. Diese ist effizienter als die Fremdausbeutung, denn sie geht mit dem Gefühl der Freiheit einher. Der Ausbeutende ist gleichzeitig der Ausgebeutete. Täter und Opfer sind nicht mehr unterscheidbar. Diese Selbstbezüglichkeit erzeugt eine paradoxe Freiheit, die aufgrund der ihr innewohnenden Zwangsstrukturen in Gewalt umschlägt. Die psychischen Erkrankungen der Leistungsgesellschaft sind gerade die pathologischen Manifestationen dieser paradoxen Freiheit. „

aus „Müdigkeitsgesellschaft “ Byung- Chul Han/ Matthes &Seitz Berlin   Seiten 20-25